
«Das Leben ist nicht planbar und nicht alle Änderungen im Fahrplan sind verständlich und greifbar. Worauf ich aber tief vertraue, ist mein JA zum Leben und zu den Menschen, die an meiner Seite sind. Ich bin mit meiner Erkrankung stets sehr offen umgegangen und wurde immer offen empfangen.»
Jahrgang
1987
Familiensituation
Verheiratet
Kinder
Eine Tochter (2018)
Beruf / aktuelle Tätigkeit
Umweltnaturwissenschaftlerin; als Bodenspezialistin in einem Umweltbüro tätig
Hobbies
Natur und Berge zu Fuss, per Ski oder auf dem Mountainbike erkunden; kreative Projekte in der Küche, im Garten oder an der Nähmaschine
Erste Anzeichen meiner postpartalen Psychose
Schlaflosigkeit, Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen
Dauer
Akute psychotische Phase nur wenige Tage; anschliessende posttraumatische Belastungsstörung und Depression während etwa 1 Jahr; Heilungsprozess während etwa 3 Jahren
Auslöser
nicht genau erforscht; vermutet wird der rapide Hormonabfall nach der Geburt als wesentlicher Auslöser
Kurzfassung meiner Geschichte
Ich erlebte eine komplikationslose Schwangerschaft und die Geburt meines ersten Kindes. Psychische Vorerkrankungen hatte ich keine. Erste Anzeichen einer postpartalen Psychosen entwickelte ich etwa am dritten Tag nach der Geburt mit dem Erleben starker Emotionen, ersten Wahrnehmungsstörungen und einem veränderten Körperempfinden. Nach 6 Tagen und Nächten ohne Schlaf, ein wichtiges Symptom bzw. gleichzeitig wohl auch ein Trigger für Psychosen, kamen schwere Halluzinationen hinzu. Postpartale Psychosen sind psychische Notfälle und so wurde auch ich notfallmässig in die Psychiatrie eingewiesen. Die Erstversorgung mit Medikamenten und die Abschirmung von sämtlichen Reizen gelang gut und ich durfte bald wieder nach Hause - zurück zu meiner Familie und meinem Kind, von dem ich getrennt wurde. Mit der Einnahme der Medikamente musste ich abstillen. Die weitere ambulante Behandlung verlief anfangs schwierig. Die richtige Einstellung der Medikamente, das Finden eines geeigneten Arztes, die Bewältigung des neuen Alltags als Mutter neben Arztterminen und starken Nebenwirkungen aufgrund der Medikamente kosteten unendlich viel Kraft. Die Frage nach dem «Warum» beschäftigte mich fortwährend, denn mein Zustand war für mich nicht erklärbar. Es gab für mich keinen offensichtlichen Grund, keinen Auslöser, keine Vorbelastungen, die mich, meine Gehirnfunktionen und mein Nervensystem so durcheinanderwirbeln sollten. Ich fasste früh den Entschluss, das Beste aus der Situation zu machen und alle Kraft in meine Genesung zu setzen. Mit Unterstützung meiner liebevollen, starken Familie, engagierten Freunden, einer vertrauensvollen Ärztin, einem unterstützenden beruflichen Umfeld und viel, viel Geduld mit mir selbst, gelang es mir, einen Weg bis zur vollständigen Heilung zu finden.
Reaktion meines Umfelds
In einem Wort: schockiert. Niemand aus meinem Umfeld hatte je von dieser seltenen und gleichzeitig akuten, schwerwiegenden Form postpartaler psychischer Erkrankungen gehört.
Behandlung
Erstbehandlung stationär in der Akutpsychiatrie; anschliessend ambulante psychiatrische Behandlung mit Psychotherapie (Verhaltenstherapie)
Medikamente
Abilify, Cipralex, Temesta, Schlafmedikamente
Das hat mir wirklich geholfen
Die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse: Allem voran Schlaf. Nährendes Essen. Schutz und Orientierung. Meine Ärztin bezeichnete die Erkrankung der postpartalen Psychose als «Sturm im Gehirn». Dies trifft es ganz gut. Es war ein schwerer Sturm. Ich habe mir ein neues Fundament gebaut. Alles durfte neu sortiert werden. Regeneration braucht Zeit.
Meine Erkenntnis
Das Leben ist nicht planbar und nicht alle Änderungen im Fahrplan sind verständlich und greifbar. Worauf ich aber tief vertraue, ist mein JA zum Leben und zu den Menschen, die an meiner Seite sind. Ich bin mit meiner Erkrankung stets sehr offen umgegangen und wurde immer offen empfangen.