


Die Geburt eines Kindes bringt eine Vielzahl von Emotionen mit sich – besonders ein tiefes Gefühl von Verantwortung. Es ist natürlich und wünschenswert, dass Eltern sich um das Wohlergehen ihres Kindes sorgen und den Wunsch haben, es bestmöglich zu schützen.
Bei Eltern im Wochenbett kommt es häufig zu einem Anstieg zwanghafter Gedanken, die als Teil des Anpassungsprozesses an die neue Verantwortung verstanden werden können. Vorübergehende, gelegentliche Zwangsgedanken nach der Geburt sind weit verbreitet (Garthus-Niegel et al., 2023). Eine Studie zeigte, dass viele Mütter vier und zwölf Wochen nach der Geburt aufdringliche Gedanken über eine versehentliche Schädigung ihres Säuglings hatten – fast die Hälfte berichtete sogar von ungewollten Gedanken an eine absichtliche Schädigung (Fairbrother et al., 2008). Auch Väter erleben solche Gedanken in vergleichbarem Ausmass, empfinden sie jedoch tendenziell als weniger belastend (Walker et al., 2021).
Bei einigen Müttern und Vätern können diese anfänglich normalen, aber erschreckenden Gedanken Symptome einer Zwangsstörung auslösen oder verstärken. Diese können viel Zeit und Energie in Anspruch nehmen und den Alltag stark beeinträchtigen – in einer Lebensphase, in der Ruhe, Erholung und der Aufbau einer sicheren Bindung zum Kind besonders wichtig sind (Young, 2019).
Vor allem Mütter empfinden starke Scham, wenn sie aggressive Zwangsgedanken erleben. Aus Angst vor gesellschaftlicher Verurteilung oder sogar vor einem möglichen Kindesentzug sprechen viele nicht darüber und vermeiden professionelle Hilfe (Challacombe et al., 2023). Sie leiden oft still – mit weitreichenden Folgen für sich selbst und ihre Familie.
Umso dringlicher ist es, das Verständnis für postpartale Zwangsstörungen zu fördern – durch Aufklärung, Enttabuisierung, frühzeitige Erkennung und angemessene Unterstützung.
*Stand: Frühling 2026
Vorstandsmitglied & Psychotherapeutin Praxis «Familie entsteht»